Ein traditioneller Kalkanstrich senkte die Temperaturen unter isolierten Bienenstockdächern um bis zu 10 °C, kostete nur wenige Cent pro Volk und begrenzte die solare Aufheizung während der heißesten Stunden des Tages zuverlässig.


Eine jahrhundertealte imkerliche Praxis mit modernen Sensoren vermessen.

Jeden Sommer suchen Imker nach Möglichkeiten, ihre Völker bei steigenden Temperaturen zu unterstützen. Schattierungsgewebe, isolierte Dächer, Belüftungssysteme und reflektierende Anstriche werden häufig empfohlen – doch eine der ältesten und günstigsten Lösungen könnte schlicht aus einem Eimer Kalk und einem Pinsel bestehen.

In weiten Teilen des Mittelmeerraums werden Bienenstockdächer traditionell vor den heißesten Monaten des Jahres weiß gekalkt. Wer durch einen Bienenstand in Spanien, Südfrankreich oder Italien geht, findet dort noch immer leuchtend weiße Dächer, die die Sommersonne reflektieren.

Diese Praxis wird seit Jahrzehnten von einer Imkergeneration an die nächste weitergegeben. Eine Frage blieb jedoch offen: Wie groß ist der tatsächliche Unterschied?

Statt uns allein auf die Tradition zu verlassen, beschlossen wir, den Effekt zu messen. Mit BroodMinder-T-Sensoren, die direkt unter mehreren isolierten Bienenstockdächern installiert wurden, verglichen wir unbehandelte Metalldächer mit reflektierenden und gekalkten Dächern über mehrere heiße Sommertage hinweg. So konnten wir quantifizieren, wie viel Wärme sich unter den einzelnen Dächern ansammelte – und wie stark ein einfacher Kalkanstrich diese reduzieren konnte.

Das Video zeigt den vollständigen Versuch – von der Vorbereitung und dem Auftragen des Kalkanstrichs bis zur Auswertung der Sensormessungen.

Warum die Dachtemperatur wichtig ist

In unserer vorherigen Sommerstudie begleiteten wir mehrere Völker durch eine extreme Hitzewelle, bei der eine nahe gelegene Wetterstation in voller Sonne 47,4 °C erreichte. Eine Erkenntnis stach besonders hervor: Gesunde Völker waren erstaunlich gut in der Lage, die Bruttemperatur selbst an den heißesten Nachmittagen nahe bei 35–36 °C zu halten.

Daraus ergab sich ganz natürlich eine weitere Frage: Wenn die Bienen bereits intensiv daran arbeiten, überschüssige Wärme abzuführen, könnten wir dann die Wärmemenge verringern, die überhaupt erst in den Bienenstock gelangt?

Das Dach war schnell der naheliegendste Ansatzpunkt. An einem sonnigen Tag ist es der stärksten Sonneneinstrahlung aller Teile des Bienenstocks ausgesetzt. Selbst mit Dämmung absorbiert es weiterhin Sonnenenergie und leitet Wärme nach unten weiter. Eine niedrigere Dachtemperatur sollte daher die Kühlleistung verringern, die das Volk erbringen muss.

Lesen Sie die erste Studie: Wie kommen Honigbienenvölker mit Temperaturen von 47 °C zurecht?

Eine traditionelle Lösung auf Grundlage einfacher Physik

Das Kalken ist keineswegs eine neue Idee. Lange bevor reflektierende Beschichtungen im Handel erhältlich waren, schützten Imker in Südeuropa die Dächer ihrer Bienenstöcke mit einer einfachen Mischung aus gelöschtem Kalk und Wasser.

Dasselbe Prinzip verleiht den traditionellen weißen Dörfern Spaniens, Griechenlands und der Balearen ihr charakteristisches Aussehen. Die strahlend weißen Wände wurden nicht nur aus ästhetischen Gründen gestrichen: Sie reflektierten die intensive Sommersonne und halfen dabei, Gebäude kühler zu halten. Bienenstockdächer profitieren von genau derselben Physik.

Eine helle weiße Oberfläche reflektiert einen wesentlich größeren Anteil der einfallenden Sonnenstrahlung als ein dunkles Metalldach. Weniger absorbiertes Sonnenlicht bedeutet ein kühleres Dach und möglicherweise weniger Wärme, die in den Bienenstock gelangt.

Die Materialien sind günstig, natürlich und überall erhältlich. Ein 15-kg-Sack gelöschter Kalk kostete ungefähr 12 € und reichte aus, um Dutzende Dächer zu beschichten. Die Kosten pro Bienenstock betragen daher nur wenige Cent.

Wie wir den Unterschied gemessen haben

Um den Effekt zu quantifizieren, wurden BroodMinder-T-Sensoren unmittelbar unter mehreren isolierten Bienenstockdächern installiert. Verglichen wurden ein unbehandeltes mattes Metalldach, ein reflektierendes Metalldach und zwei gekalkte Dächer.

Jedes Dach enthielt ungefähr 4 cm Polystyroldämmung, sodass sich der Vergleich auf die Oberflächenbeschichtung und nicht auf die Dämmstärke konzentrierte. Anschließend wurden die Messwerte über mehrere sonnige Sommertage hinweg kontinuierlich erfasst.

Weiße Dächer blieben deutlich kühler

Unter unbehandelten matten Metall-, reflektierenden Metall- und gekalkten isolierten Bienenstockdächern gemessene Temperatur über mehrere heiße Sommertage
Abbildung 1. Temperaturen unter verschiedenen Dachoberflächen. Das matte Metalldach ist rot dargestellt, das reflektierende Metalldach orange und die beiden gekalkten Dächer blau beziehungsweise hellblau.

Das erste Diagramm vergleicht die direkt unter den einzelnen Dächern gemessenen Temperaturen. Das unbehandelte matte Metalldach wurde durchgehend am heißesten und erreichte an sonnigen Nachmittagen fast 49 °C, während die gekalkten Dächer meist nur Spitzenwerte von etwa 39–40 °C erreichten.

Während der heißesten Tageszeit näherte sich der Unterschied 10 °C. Ebenso wichtig ist, dass sich dieses Muster von Tag zu Tag wiederholte. Es handelte sich nicht um eine einzelne Messung, sondern um ein durchgehend konsistentes Ergebnis während des gesamten Versuchs.

Das unbehandelte Dach wurde heißer als die Luft

Temperatur unter unbehandelten und gekalkten Bienenstockdächern im Vergleich zur in voller Sonne gemessenen Temperatur der Wetterstation
Abbildung 2. Dachtemperaturen im Vergleich zur in voller Sonne gemessenen Temperatur der Wetterstation. Das unbehandelte Dach überstieg bei maximaler Sonneneinstrahlung die gemessene Umgebungstemperatur.

Die Einbeziehung der Wetterstationsmessung eröffnet eine noch interessantere Perspektive. Das unbehandelte Dach folgte nicht einfach nur der Umgebungstemperatur – es wurde deutlich heißer.

Statt lediglich Wärme aus der Umgebung aufzunehmen, wirkte das Dach wie ein Solarkollektor, absorbierte Energie und strahlte Wärme in Richtung des darunterliegenden Volkes ab. Dies geschah trotz der vorhandenen 4 cm Dämmung.

Dämmung verlangsamt den Wärmefluss, kann jedoch nicht verhindern, dass die Dachoberfläche extrem heiß wird. Sonnenlicht bereits vor der Absorption zu reflektieren, ist daher eine äußerst wirksame erste Schutzmaßnahme.

Der gemessene Vorteil betrug 8–10 °C

Temperaturunterschied zwischen gekalkten und unbehandelten isolierten Bienenstockdächern mit wiederholten Kühlvorteilen von 8 bis 10 Grad Celsius
Abbildung 3. Der Temperaturunterschied zwischen gekalkten und unbehandelten Dächern. An sonnigen Nachmittagen blieben die gekalkten Dächer über mehrere Stunden etwa 8–10 °C kühler.

Betrachtet man ausschließlich den Temperaturunterschied, wird der Vorteil sofort deutlich. An jedem sonnigen Nachmittag blieben die gekalkten Dächer zwischen 8 und 10 °C kühler als das unbehandelte Dach.

Die Abkühlung zeigte sich nicht nur als kurzer Temperaturabfall, sondern hielt jeden Tag mehrere Stunden lang an – genau in dem Zeitraum, in dem die Völker der stärksten solaren Wärmebelastung ausgesetzt waren.

Diese Messung muss richtig interpretiert werden. Ein um 10 °C kühleres Dach bedeutet nicht, dass das Brutnest selbst 10 °C kühler wird. Gesunde Völker regulieren die Bruttemperatur außerordentlich gut. Ein kühleres Dach bedeutet vielmehr, dass weniger Wärme in den Bienenstock gelangt und die Bienen daher weniger Kühlleistung erbringen müssen.

Einfach, natürlich und günstig

Einer der beeindruckendsten Aspekte des Versuchs war nicht nur die Temperaturabsenkung, sondern auch die geringen Kosten. Gelöschter Kalk im Wert von wenigen Cent, ein Eimer Wasser und ein gewöhnlicher Pinsel reichten aus, um einen ganzen Bienenstand zu behandeln.

Im Gegensatz zu vielen handelsüblichen Beschichtungen ist Kalkanstrich mineralisch, enthält kein Kunstharz und verwittert im Lauf der Zeit auf natürliche Weise. Diese allmähliche Verwitterung kann sogar von Vorteil sein: Die reflektierende Oberfläche schützt den Bienenstock während der heißesten Monate und verblasst dann im Herbst und Winter langsam, bevor sie im folgenden Frühjahr erneuert wird.

Für viele Imker kann das Auftragen eines neuen Anstrichs einfach Teil der saisonalen Pflege der Bienenstöcke werden.

Was wir gelernt haben

Dieser Versuch zeigt, dass eine jahrhundertealte imkerliche Praxis auch heute noch messbare Vorteile bietet.

Mithilfe von BroodMinder-Sensoren konnten wir quantifizieren, was Generationen von Imkern im Mittelmeerraum bereits aus der Praxis kannten. Das unbehandelte Dach wurde deutlich heißer als die Umgebungsluft und verwandelte sich damit praktisch in eine zusätzliche Wärmequelle über dem Volk. Die gekalkten Dächer blieben dagegen während der heißesten Tageszeit erheblich kühler.

Dieser Unterschied bedeutet nicht, dass das Brutnest selbst 10 °C kühler wurde. Gesunde Völker regulieren die Bruttemperatur bemerkenswert gut. Vielmehr gelangte von vornherein weniger Wärme in den Bienenstock, wodurch die Bienen weniger Kühlleistung erbringen mussten.

Manchmal ersetzen moderne Sensoren traditionelles Wissen nicht – sie erklären es lediglich.

Entdecken Sie die Daten des Kalkanstrich-Versuchs

Das Video zeigt den Versuch, während das BroodMinder-Dashboard die vollständigen Messwerte enthält. Verwenden Sie das interaktive Diagramm unten, um die verschiedenen Dachkonfigurationen über den gesamten Überwachungszeitraum hinweg zu vergleichen.

Interaktives Dashboard in einem neuen Tab öffnen

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Ein traditioneller Kalkanstrich senkte die Temperaturen unter isolierten Bienenstockdächern um bis zu 10 °C.
  • Unbehandelte Metalldächer wurden heißer als die gemessene Umgebungstemperatur und wirkten dadurch als Wärmequelle über dem Volk.
  • Die Verbesserung blieb über mehrere sonnige Tage hinweg konstant.
  • Der Effekt wurde trotz einer Dachisolierung von ungefähr 4 cm gemessen.
  • Gelöschter Kalk kostete nur wenige Cent pro Bienenstock.
  • Moderne Sensoren halfen dabei, den thermischen Nutzen einer seit Langem bewährten imkerlichen Praxis zu quantifizieren.

Messen Sie die Temperatur in Ihren eigenen Bienenstöcken

Der BroodMinder-T2 zeichnet die Innentemperatur des Bienenstocks kontinuierlich auf. So können Sie Dachbehandlungen vergleichen, die Brutentwicklung verfolgen und Änderungen in der Betriebsweise anhand realer Daten bewerten.

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BroodMinder-Serie zum Imkern im Sommer

Dieser Artikel ist Teil der BroodMinder-Serie zum Imkern im Sommer. Darin verwenden wir reale Sensordaten, um zu verstehen, wie Honigbienenvölker auf heiße Sommerbedingungen reagieren, und um praktische, evidenzbasierte Möglichkeiten zur Verringerung von Hitzestress zu bewerten.


Jeder Bienenstock zählt.

Das BroodMinder-Team


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